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Kürzlich hatte ich meine längste Verhandlung bisher. Sie begann um 10:30 Uhr und ich war, obwohl drei Zeugen geladen waren, eigentlich durchaus guter Dinge, dass die Verhandlung sich nicht ungewöhnlich lang hinziehen würde. Etwa 1 1/4 Stunden später war noch eine zweite Verhandlung vorgesehen und um 13.15 Uhr eine dritte. Um 15: 30 Uhr hatte ich noch mit einem Mandanten einen Termin vereinbart.

Die Verhandlung begann nach einer Einführung in den Sach- und Rechtsstand durch den Richter mit Vergleichsverhandlungen, die auch durchaus erfolgsversprechend begannen, sich dann aber hinzogen und schließlich im Sand verliefen. Jetzt stieg so langsam erster Argwohn in mir auf, ob es mit der nächsten Verhandlung klappen würde.

Der erste Zeuge wurde vernommen, der unseren Sachvortrag bestätigte. Bereits die Befragung durch den Richter war sehr ausführlich, dann begann die Gegenseite ausufernd in seiner Aussage herumzustochern und sich diverse Punkte doppelt erklären zu lassen. Natürlich ergibt sich aus so einer ausufernden Befragung durch die Gegenseite, die von dem Richter auch nicht verkürzt wurde, dass man auch selbst noch etwas nachfragen muß. Kurzum, die Vernehmung des ersten Zeugen endete kurz vor Beginn meines zweiten Termins.

Ich bat den Richter, die Verhandlung kurz zu unterbrechen, um die Angelegenheit mit dem weiteren Termin klären zu können. Glücklicherweise sah es die Richterin hier so, dass lediglich Rechtsfragen streitig waren, dort mußten nur kurz die Anträge gestellt werden und schon war das Verfahren nach Bestimmung eines Verkündungstermins beendet.

Also weiter mit dem nächsten Zeugen. Dieser hatte ähnliche Aufträge wie die Gegenseite ausgeführt und konnte daher auch einiges zum Fall und der dort getroffenen Vereinbarung sagen. Leider blieb er aber nicht bei dem konkreten Fall, sondern driftete in die Einzelheiten seiner Aufträge ab, was letztendlich durch Fragen des Richters noch gefördert wurde. Auf meine Nachfrage, inwieweit dies sachdienlich wäre antwortete der Richter, dass er jetzt schon einmal dabei wäre, auch diesen Aspekt zu protokolieren, da wolle er mal sehen, was dabei rauskommt.

Als sich schließlich der nächste Termin meinerseits nährte musste erneut unterbrochen werden. Diesmal konnte ich mich mit der gegnerischen Kollegin einigen, dass man den Termin aufhebt und wieder Vergleichsverhandlungen führt. Nachdem dies dem Gericht mitgeteilt war konnte also der Termin fortgesetzt werden.

Im Gerichtssaal angekommen versicherte ich zunächst keine weiteren Gerichtstermine zu haben, jetzt würden wir Zeit haben bis halb vier. Das war eigentlich als WItz gemeint, es zeigte sich aber, dass die Zeugenbefragungen andauerten. Als wir gegen 15.00 Uhr mit dem zweiten Zeugen durch waren habe ich demnach in der Kanzlei angerufen und darum gebeten, den Mandantentermin zu verlegen.

Das Gericht wollte diese Pause auch zunächst nutzen um sich neue Kassetten für das Diktiergerät zu holen, glücklicherweise konnte der Kollege allerdings mit einer Leihgabe aushelfen.

Die letzte Zeugin hatte inzwischen von 10:30 Uhr bis 15 Uhr, also etwas 4 1/2 Stunden im Gerichtsflur gesessen. Es gibt spannendere Orte und ich bin mir sicher, dass sie darauf nicht vorbereitet war. Ich würde ja aus meiner Erfahrung jedem Zeugen raten sich ein Buch mitzunehmen, Wartezeiten von zumindest einer halben Stunden sind durchaus üblich und gerade bei mehreren Zeugen kann es schnell mehr werden.

Die Vernehmung der letzten Zeugin dauerte dann allerdings nur noch eine halbe Stunde. Der Richter hatte nunmehr wohl die Sorge entweder einen Wachtmeister länger festhalten zu müssen, damit die Öffentlichkeit gewahrt bleib (sprich: Leute in das Gerichtsgebäude kommen, die der Verhandlung beiwohnen wollen) oder er die Sache vertagen muss. Die Fragen fielen daher etwas präziser aus und es war bei den Fragen der Anwälte sogar eine gewisse Verhandlungsführung vorhanden.

Es folgte noch eine kurze Verhandlung über das Beweisergebnis, die aber darin mündete, dass noch eine Stellungnahme anhand der Protokolle erfolgen kann, dann war die Verhandlung gegen 15:40 Uhr zu Ende.

Während ich die Verhandlung dann noch kurz mit dem Mandanten besprochen habe setzte auch so langsam der Hunger ein, der während der Verhandlung erfreulicherweise nicht aufgetreten war.

Das Mittagessen hatte ich mir allerdings auch hart verdient. Sollte noch ein Termin in dieser Sache stattfinden halte ich mir den ganzen Tag frei und packe ein paar Stullen ein.

9 Responses to “Verhandlungsdauer: Wer bietet mehr?”

  1. PR sagt:

    Ganz mithalten kann ich nicht. Aber vor einiger Zeit hatte ich die Hoffnung, vor einem kleinen Amtsgericht einen vorher eigentlich fast schon protokollierbaren Vergleich in der mündlichen Verhandlung schnell zu schaffen. Keine Zeugen, friedliche Parteien und ein eigentlich eiliger Richter. Robe schnell übers Sakko gezogen, und dann fast vor Hitze eingegangen! Der Kollege auf der Gegenseite erklärte sich erst nach 1 1/2 Stunden zäher Verhandlung zum Vergleich bereit, obwohl nichts mehr am vorher schon angebotenen Text geändert wurde.

  2. Toni sagt:

    Ich hatte im Praktikum einen Fall, bei dem von 9 bis 17 Uhr verhandelt wurde (Große Strafkammer am Landgericht), aber immerhin mit Mittagspause.

  3. Brandau sagt:

    @PR
    Das ist natürlich auch ärgerlich, weil man da endet, wo man angefangen hat.

    @Toni
    Strafrecht vor großen Strafkammern zählt nicht. Die haben ja häufig ganze Verhandlungstage. Aber natürlich trotzdem anstrengend. War es ein Gerichtspraktikum oder ein Anwaltspraktikum?

  4. doppelfish sagt:

    Nebenan wurden gerade gute sechs Stunden für einen Termin verbratenucht. Oder drei Minuten, je nachdem, wie man rechnet 🙂

  5. Felser sagt:

    Mein längste Verhandlung war auch solch eine nette Überraschung des Richters. Terminiert war für 9 Uhr am Verwaltungsgericht. Eingeplant war die übliche Stunde. Um 13:30 hatte ich am Arbeitsgericht noch eine „hintendrangehängte“ einstweilige Verfügung. Ich hatte schon Sorgen, wie ich die Zeit verbringen würde. Um 10:30 Uhr „verfügte“ der Vorsitzende der Kammer am Verwaltungsgericht, daß Beweis zur die Vernehmung präsenter Zeugen erhoben werden soll. Mir schwante schon, daß der Termin um 13:30 Uhr kritisch werden könnte, so daß ich darauf hinwies, dass ich diesen auf jeden Fall wahrnehmen müsse und auch werde. Um 13:00 Uhr wurde dann die Verhandlung am Verwaltungsgericht unterbrochen und ich eilte zum Arbeitsgericht. Dort begann die Verhandlung über die einstweilige Verfügung allerdings erst um 15 Uhr, weil die Kammer dort im Verzug war. Um 16 Uhr bin ich wieder zurück ans Verwaltungsgericht, die Verhandlung wurde unter bösen Blicken der Gegenseite, die wohl unterstellte, ich hätte im Le Moissonnier ein kleines Feinschmeckermahl eingeschoben, fortgesetzt, kurz nach 19 Uhr wurde dann die Entscheidung verkündet. Bekomme ich jetzt den Preis? 😉

  6. Brandau sagt:

    @doppelfish
    Mit 3 Minuten hätten wir allenfalls einen Anwärter auf die kürzeste Verhandlung, der Rest war ja Fahrzeit.

    @Felser
    Wir halten den Wettbewerb noch etwas offen, aber 9 – 19 Uhr wird nur schwer zu überbieten sein….

  7. Toni sagt:

    @Brandau: Anwaltspraktikum, nur Strafverteidigung, ziemlich spannend.

  8. Frank sagt:

    Ist ja fast so stressig wie bei Bendini, Lambert & Locke…

  9. marko sagt:

    11:00 Uhr bis 21:30 Uhr, OLG Rostock in einer Landwirtschaftssache. Der Vorsitzende des Senats mußte die Ausgangstür aufschließen, da ansonsten niemand mehr im Gericht war …

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