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Das menschliche Gehirn ist zu erstaunlichen Sachen in der Lage, die an zwei Test deutlich werden.

Test Nr. 1: Wie oft wirft sich das weiße Team den Basketball zu?

Test 2: Ein Kartentrick

(via Basic Thinking und die dortigen Kommentare)

Zunächst bitte die Tests machen und dann den weiteren Artikel lesen:

Die Tests machen deutlich, dass das Gehirn einer selektiven Wahnehmung unterliegt. Wer mit bestimmten Sachen nicht rechnet übersieht sie schnell, weil das Gehirn sie ausblendet. Das wirkt sich natürlich auch in Gerichtsverfahren aus. Wenn ein Zeuge sich auf einen bestimmten Sachverhalt konzentriert dann kann er eben das unübliche, was vielleicht erst zu dem Schaden geführt hat gar nicht erst wahrnehmen.

Ein weiteres Problem ist nicht nur die selektive Wahrnehmung, sondern auch die Verarbeitung und Speicherung bestimmter Daten im Gehirn. Wer sich beispielsweise eine gewisse Mitschuld zubilligt kann sich die Sache auch schön denken. Aus dem Wissen etwas falsch gemacht zu haben werden zunächst Zweifel, warum man es nicht anders gemacht hat, dann überlegt man sich einen Weg wie es besser gewesen wäre und langsam legt sich dieser bessere Weg, der weniger Selbstvorwürfe bedeutet über die eigentlichen Ereignisse, bis der Zeuge schließlich davon überzeugt ist, dass es genau so war, wie er es jetzt in Erinnerung hat.

Das Gedächtnis speichert auch teilweise nicht die Einzelheiten ab, sondern nur das „wichtige“. Das an dem Unfall ein LKW beteiligt war. Geht es jetzt darum, dass es ein bestimmter LKW war kann es vorkommen, dass bei dem Versuch sich zu erinnern nicht der damalige LKW im Gedächtnis erscheint, sondern ein typischer LKW. Die Erinnerung ist dennoch ganz so als wäre es immer dieser LKW gewesen.

Mitunter kann sich dieser Effekt auch sehr schnell zutragen oder aktiv genutzt werden. Wenn der Anwalt in eine Frage, die nichts mit der Farbe des LKWs zu tun hat einbindet, dass dessen Plane eine blaue Farbe hatte und dann später eine Frage zur Farbe stellt, dann kann es sein, dass nicht die damalige Erinnerung abgerufen wird, sondern die Information aus der Frage zuvor die dann sogleich als tatsächlich geschehen in die eigene Erinnerung eingebunden wird.

Das alles macht deutlich, dass Zeugenaussagen ein sehr gefährliches Beweismittel sind. Ein Zeuge muss noch nicht einmal (bewußt) lügen um die Unwahrheit zu sagen.

7 Responses to “Zeugen im Gerichtsverfahren: Erinnerungen sind trügerischer als man meint”

  1. doppelfish sagt:

    Auf den Kartentrick bin ich doch glatt reingefallen. Der Richter, von dem Ihr Kollege Udo Vetter berichtet, war da etwas fixer. Der hatte wohl schon von Elizabeth Loftus‚ Arbeiten gehört.

  2. Brandau sagt:

    Ja, der ist auch noch schwerer zu entdecken würde ich sagen. Der tanzende Bär kann durch Zufall auffallen, aber bei dem anderen Video muss man sich schon daran erinnern, was derjenige anhatte.

    Ich finde es immer wieder erstaunlich, was das Gehirn so alles machen kann ohne, dass wir es mitbekommen. Da können sich wie in dem im Lawblog dargelegten Fall ganze Verfolgungsjagden abspielen und man hält sie für echt. Wobei es natürlich auch immer eine bewusste Falschaussage seien kann.

  3. Toni sagt:

    Da sieht man mal, wie konzentriert ich arbeite, ich habe gar nichts entdeckt – der Bär war echt ne Überraschung für mich!
    Ein weiteres Problem ist ja noch der große Zeitablauf in vielen Verfahren, sodass die Erinnerung immer mehr verschwimmt und von fiktiven Geschehnissen überlagert wird.

  4. Brandau sagt:

    Mitunter sind die Abstände wirklich sehr groß. Da kann man auch nicht mehr erwarten, dass sich jemand an Einzelheiten erinnert oder alles noch genau im Kopf hat. Es ist dann aber auch Aufgabe des Richters hier solche Überlegungen mit einzubeziehen. Ich hatte neulich einen Fall, wo ich darauf wette, dass es so war wie mein Mandant es berichtet hat, aber der Zeuge hat einige Details (Farben des PKW etc) falsch in Erinnerung gehabt. Der Rest paßte aber sehr gut. Da hat denke ich auch eine Überlagerung stattgefunden. Dem Richter hat es allerdings leider nicht gereicht.

  5. […] Hier gibt es noch eine deutlichere/drastischere Darstellung des Problems. Danke an Rechtsanwalt Christoph Brandau für den Hinweis auf diesen genialen “Kartentrick” (und einen Gruß in die alte […]

  6. […] Erfahrung nach wie gesagt nicht so häufig vor. Zumal sich auch Richter bewußt sind, dass Wahrnehmung und Erinnerung sehr subjektiv sein kann und der tatsächliche Sachverhalt sehr schwer zu ermitteln ist, wenn er sich nur zwischen zwei […]

  7. […] dem Beitrag “Zeugen im Gerichtsverfahren: Erinnerungen sind trügerischer als man meint” hatte ich schon auf zwei interessante Videos hingewiesen, die zeigen, dass Wahrnehmung und […]

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