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Vor Gericht und auf offener See ist man in Gottes Hand!

Diese alte Juristenwahrheit offenbart sich häufig für Arbeitgeber vor den deutschen Arbeitsgerichten. Sicherlich gibt es viele Firmen, die z.B. ungerechtfertige Kündigungen aussprechen und daher zu Recht in einem Kündigungsschutzprozess unterliegen. Mitunter entsteht jedoch der Eindruck, dass manche Arbeitsgerichte übertreiben und quasi aus Prinzip zu Gunsten des Arbeitnehmers entscheiden. Böse Zungen behaupten, dass manche Arbeitsgerichte als reine Theoretiker nur das Sozialstaatsprinzip, nicht jedoch die wirtschaftlichen Gegebenheiten und Pflichten des Arbeitnehmers erkennen und dadurch unbewußt Firmen in den Ruin treiben würden.

Auch wenn ich nicht soweit gehen möchte, kann ich manchen Arbeitgeber verstehen, der nach einem Termin vor dem Arbeitsgericht ungläubig und kopfschüttelnd den Gerichtssaal verlässt. So geschehen vor kurzem vor einem deutschen Arbeitsgericht:

Eine kleine Physiotherapiepraxis hatte ihrer Angestellten fristlos gekündigt. Die Angestellte wurde dabei erwischt, wie sie Trinkgelder von Patienten in ihre eigene Brieftasche einsteckte. Die patienten hatten die Trinkgelder aber für die gemeinsame Kaffeekasse gegeben. Der Diebstahl oder die Unterschlagung von Geldern stellt nach allgemeiner Ansicht einen sofortigen Kündigungsgrund dar, ohne Rücksicht darauf, wie hoch der einbehaltene Betrag ist. Trotzdem klagte die Angestellte gegen ihre Entlassung vor dem Arbeitsgericht und verlangte die sofortige Wiedereinstellung in den Betrieb.

Zur völligen Verwunderung der Praxisinhaberin fragte der Richter zu Beginn der Verhandlung, ob die Angestellte bei der Einstellung überhaupt belehrt wurde, dass sie keine Trinkgelder einstecken dürfe. Wenn nicht, wäre die fristlose Kündigung wohl unwirksam – es wäre doch keine Selbstverständlichkeit, dass Trinkgelder in die gemeinsame Kaffeekasse wandern müßten… Bei solchen Ansichten kann ich manch leidgeprüften Arbeitgeber verstehen, der an unseren Rechtssystem zweifelt… Oder sehe ich da etwas falsch?

One Response to “Arbeitgeber: Wohl und wehe vor dem Arbeitsgericht”

  1. Nureinstudent sagt:

    War die gekündigte Angestellte selbst als Physiotherapeutin tätig und hat den Patienten exklusiv behandelt?

    Dann scheint es in meinen Augen zumindest nicht von vornherein ausgeschlossen, dass die Angestellte tatsächlich glaubte, etwaige Trinkgelder seien höchstpersönliche Leistungen an sie und sie darum nicht in die Kasse ablieferte. Physiotherapie ist ja nun höherwertige Leistungen als bloßes Kellnern und auch tatsächlich stärker von einem persönlichen Vertrauensverhältnis geprägt.

    Insofern würde ich in dieser Konstellation dem ArbG durchaus Recht geben, dass über die Verteilung solcher Gelder besser vorab gesprochen worden wäre, weil sie meines Erachtens eben nicht wie in einer Kneipe selbstverständlich ist.

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